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"Von Gott das Geschenk des Friedens erflehen"

Aus der Ansprache von Papst Franziskus vor der Westmauer in Jerusalem am zweiten und letzten Tag seines Besuches im Heiligen Land. Der Papst wiederholt Botschaften der Brüderlichkeit, des gegenseitigen Respekts und der Toleranz.

Am Abend (Montag) beendete Papst Franziskus seinen Besuch in Israel, dem ein Tag mit einem dichten Programm voller Begegnungen und Veranstaltungen vorausgegangen war. Der zweite Besuchstag begann mit einem Treffen mit dem Großmufti von Jerusalem, der für die heiligen Stätten des Islam in Jerusalem verantwortlich ist. Der Großmufti protestierte gegen die Versuche Israels, die Kontrolle über den Tempelberg zu übernehmen, worauf der Papst antwortete: "Mögen wir uns gegenseitig als Brüder und Schwestern respektieren und lieben."

Der Papst setzte danach seinen Weg zur Westmauer und zu einem Treffen mit dem für die Westmauer zuständigen Rabbiner Shmuel Rabinowitz fort. Nachdem er Erklärungen bei einem Modell des Heiligen Tempels empfangen hatte, berührte der Papst die Mauer, schloss die Augen und sprach ein stilles Gebet. Papst Franziskus las dann die mitgebrachte Notiz und steckte den Zettel in eine Ritze zwischen die Steine. Als er sich später in das Gästebuch eintrug, schrieb der Papst: "Von Gott das Geschenk des Friedens erflehen."

Nach einer Kranzniederlegung am Grab des zionistischen Visionärs Theodor Herzl und einem Besuch an einem Denkmal für Terroropfer, begab sich der Heilige Vater nach Yad Vashem. Seine Worte in der Halle der Erinnerung waren als poetische Meditation konzipiert und stellten die Frage an den Menschen, wo er während der Shoah gewesen und wie er zu einem solchen Verbrechen fähig gewesen sei. In seiner Ansprache nahm der Papst Bezug auf den Bruch in der Humanität, als die Menschheit ihre Menschlichkeit verlor.

 

 

"An diesem Ort der Erinnerung an die Shoah hören wir abermals Gottes Frage widerhallen: 'Adam, wo bist du'", sagte der Papst. "Hier, vor der unermesslichen Tragödie des Holocaust, klingt dieser Aufschrei wie eine ohnmächtige Stimme in einem unauslotbaren Abgrund -  Mensch, wer bist du? Zu welchem Gräuel bist du fähig gewesen? Was ließ dich so tief fallen? Der Staub der Erde ist etwas Gutes, das Werk meiner Hände. Das ist nicht der Atem des Lebens, den ich dir eingehaucht habe."

Nach einer kurzen Zeremonie in Yad Vashem, traf der Papst sechs Überlebende des Holocaust und sprach mit ihnen. Er schüttelte nicht nur ihre Hände, sondern küsste sie in einer außergewöhnlichen Geste der Demut.

Auf seiner nächsten Station, Heichal Schlomo, traf der Papst die israelischen Oberrabbiner. Rabbiner David Lau wies darauf hin, dass nur wenige Meter von Heichal Schlomo entfernt, in der Pizzeria Sbarro und im Café Moment dutzende Menschen bei Terroranschlägen, die im Namen der Religion verübt worden seien, ermordet wurden.

In seiner Ansprache in Heichal Schlomo sagte der Papst: "Zu meinen Freunden zählen viele Juden. Gemeinsam haben wir viele fruchtbringende Begegnungen und Dialoge durchgeführt; mit ihnen teilte ich viele bedeutende Augenblicke voll mit spirituellen Erfahrungen. In den ersten Monaten meines Pontifikates war es mir eine große Freude, viele Organisationen und Vertreter jüdischer Gemeinden aus der ganzen Welt zu empfangen ... Sie legen Zeugnis ab von unserem gegenseitigen Wunsch, einander besser kennenzulernen, einander zuzuhören und Verbindungen echter Brüderlichkeit aufzubauen ... Ich bin davon überzeugt, dass der Fortschritt, der in den vergangenen Jahrzehnten im jüdisch-katholischen Dialog erzielt worden ist, "ein echtes Geschenk Gottes ist, eines der von ihm vollbrachten Wunder."

 

 

In der Residenz des israelischen Staatspräsidenten, der nächsten Station von Papst Franziskus, war Präsident Schimon Peres der Gastgeber des offiziellen Empfanges zu Ehren des Papstes. Die beiden trafen einander zu Gesprächen über politische Angelegenheiten, beteten gemeinsam für die Genesung christlicher Kinder, pflanzten einen Olivenbaum im Garten der Residenz des Präsidenten und hielten Ansprachen in hebräischer und italienischer Sprache, die für die Gläubigen in die ganze Welt ausgestrahlt wurden.

Während ihres Treffens dankte Papst Franziskus dem Präsidenten für seine warmen Begrüßungsworte: "Gesegnet ist, wer das Haus eines guten und weisen Mannes betritt. Und ich bin gesegnet."

In ihren Ansprachen und Treffen bezogen sich der Papst und Präsident Peres direkt auf den Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern. Präsident Peres kommentierte die Einladung des Papstes, zusammen mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas Rom zu besuchen: "Ihre Einladung zu einem Treffen mit Mahmud Abbas, für den ich den tiefste Respekt hege, ist ganz besonders wichtig und ich nehme sie an. Ihr Besuch im Heiligen Land ist eine außergewöhnliche Gelegenheit, gemeinsam zu Gott im Himmel für den Frieden zu beten. Wir fühlen uns geehrt, dass Sie uns zu einem solchen Gebet eingeladen haben. Gemäß Ihrer freundlichen Einladung werden wir uns als Juden, Christen und Muslime gemeinsam bemühen, den Konflikt zu einem Ende zu bringen. Wirtschaftlicher Wohlstand und soziale Gerechtigkeit müssen für alle gelten. Ich glaube, dass Friede der Schlüssel ist, der das Tor zu diesen Veränderungen öffnet. Unser Haus steht allen Pilgern offen."

Der Papst betonte seinen tiefsten Respekt für Präsident Peres als Mann des Friedens und Friedensschließer. "Frieden zu schließen erfordert zuerst Respekt für die Würde und die Freiheit eines jeden Menschen, von dem Juden, Christen und Muslime glauben, dass er im Ebenbilde Gottes geschaffen und zu einem ewigen Leben bestimmt wurde. Wir müssen resolut und entschlossen friedliche Lösungen für jeden Streit und jeden Konflikt suchen. Lasset uns beten, dass wir niemals müde werden, den  Frieden konsequent und mit Entschiedenheit zu verfolgen."

Nach der Zeremonie in der Residenz des israelischen Staatspräsidenten, empfing der Papst Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zu einem privaten Treffen im Notre Dame Zentrum. "Im Land Israel haben wir hunderte Kirchen, in Jerusalem, Nazareth, Capernaum und Korazim", sagte Netanjahu zu Beginn des Treffens. "Wir pflegen jede einzelne davon, kein Stein wurde verändert. Wir erhalten die Rechte der Christen im Staat Israel aufrecht. Wir respektieren die Haltung Eurer Heiligkeit zur religiösen Toleranz; in Israel wird diese Toleranz geachtet."

Am Nachmittag traf der Papst Gläubige in der Kirche von Gethsemane in Jerusalem und feierte eine Messe im Abendmahlssaal.

Der Besuch des Papstes in Israel und im Nahen Osten wurde mit einer offiziellen Abschiedszeremonie am Ben Gurion Flughafen beendet. Danach bestieg Papst Franziskus sein Flugzeug und reiste nach Rom zurück.

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