Christliche Strömungen im Heiligen Land

Das Land Israel, Schauplatz bedeutender Ereignisse in der Heiligen Geschichte (Historia Sacra), wie sie in den heiligen Schriften des Christentums beschrieben ist, hebt sich durch seine reichhaltige christliche Tradition hervor. Zahlreiche Orte wurden aufgrund der historisch-religiösen Erinnerung und später durch Gebäude der Erinnerung, des Gedenkens und der Rituale, und durch die Pilger, die sie benutzten und besuchten, geheiligt.

 

Über alle diese Ereignisse, Personen und heiligen Stätten hinaus war es die örtliche christliche Gemeinschaft, welche die Kontinuität und das Gedenken an 2000 Jahre Christenheit aufrecht erhielt. Die zahlreichen christlichen Religionsgemeinschaften, eines der Merkmale des nahöstlichen Christentums, haben die Kirche von Jerusalem in ein anthropologisch-theologisch-liturgisches Museum verwandelt. Es ist diese Vielfalt, die das Heilige Land zu einem beeindruckenden Kulminationspunkt  unterschiedlicher Arten der religiösen Erfahrung werden lässt. So preisen beispielsweise allein in der Grabeskirche in Jerusalem nicht weniger als sechs Glaubensgemeinschaften dem Herrn unter einem einzigen Dach, gleichzeitig auf Lateinisch, Griechisch, Armenisch, Koptisch, Syrisch und sogar in der Sprache des antiken Äthiopiens.

 

Die Katholische Kirche

Die Römisch-Katholische Kirche wird im Nahen Osten aufgrund der Sprache, in der sie in der Vergangenheit ihre Gebete vortrug, als “Lateinische Kirche” bezeichnet. Zur Zeit der Kreuzfahrten errichteten die Katholiken neue Kirchen, von denen einige bis heute komplett erhalten geblieben sind. Dazu zählen die St. Annen-Kirche (der Überlieferung zufolge der Geburtsort der Jungfrau Maria) sowie die wichtigste – die Grabeskirche, im Herzen der Altstadt von Jerusalem gelegen. Im 14. Jahrhundert kamen Vertreter des Franziskanerordens ins Heilige Land. Die Franziskaner Ordensbrüder renovierten und errichteten die heiligen Stätten. Zu ihren treuen Händen übergab der Papst die Obhut über das Heilige Land. Die Franziskaner retteten heilige Stätten vor dem vergessen. Nach Ausgrabungen und der Offenlegung von Resten der Vergangenheit errichteten sie Kirchen, wie die monumentale Kirche in Nazareth, die an dem Ort der Verkündigung errichtet wurde, und die Kirche, die über dem Haus von Peter, dem Wegweiser der Apostel, in Kapernaum errichtet wurde. Im 19. Jahrhundert ließ sich der erste Lateinische Patriarch seit den Zeiten der Kreuzritter in Jerusalem nieder und füllte das Heilige Land mit der Hilfe dutzender Gemeinschaften, Menschen und katholischen Einrichtungen mit weiteren Kirchen, Klöstern, Einrichtungen und Gasthäusern. Gemeinsam mit religiösen Persönlichkeiten aus der ganzen Welt (beispielsweise aus Frankreich, Italien und andere), vermehrte sich auch die arabisch-katholische Bevölkerung in Heiligen Land und schuf die überraschende und faszinierende lateinische Liturgie auf Arabisch (wie beispielsweise arabische Versionen der lateinischen Hymnen des Thomas von Aquin in der Corpus Christi-Prozession). Neben der katholisch arabische Bevölkerung in den Dörfern und Städten Israels, ist die Katholische Kirche in Israel durch drei Organisationen vertreten: Franziskanerorden, Lateinisches Patriarchat und päpstliche Nuntiatur. Die ersten beiden Organisationen tragen die Prozessionen und Zeremonien sowie die katholischen Feiertage gemäß des christlich-gregorianischen Kalenders, unter Teilnahme der örtlichen Bevölkerung und von Pilgern aus der ganzen Welt. Zu den bekanntesten zählen die Palmsonntag-Prozession, an der viele Tausende Gläubiger Palmwedel schwenkend und “Hosanna” rufend  vom Ölberg in die Altstadt marschieren.

 

 

The Katholischen Ostkirchen

Die Anzahl der Mitglieder der katholischen Ostkirchen im Heiligen Land ist größer als die der Römisch-Katholischen Kirche. Obgleich sie sich alle dem Papst unterordnen, verfolgen diese katholischen Gemeinden unterschiedliche Rituale und kulturelle Traditionen: griechisch-katholisch, maronitisch-katholisch, armenisch-katholisch, syrisch-katholisch, und so weiter. Die orthodoxen Zeremonien während der Karwoche  bieten eine aufregende Gelegenheit, den Feiertag auf einer anderen Art und Weise zu erleben. 

 

 

Die Orthodoxen Kirchen

Die Griechisch-Orthodoxe Kirche ist seit 1700 Jahren im Heiligen Land vertreten, nämlich seit dem 4. Jh. n. Chr., mit dem direkten Nachkommen des Hl. Jakobus (dem Bruder Jesu) – dem ersten Bischof von Jerusalem. An ihrer Spitze steht das orthodoxe Patriarchat von Jerusalem gemeinsam mit Dutzenden von Mönchen und Mitgliedern der “Bruderschaft des Heiligen Grabes”. Das Patriarchat, neben der Grabeskirche gelegen, ist verantwortlich für Dutzende arabischer orthodoxer Gemeinden, Dutzender Klöster und heiliger Stätten sowie zahlreicher Pilger, die aus der ganzen Welt der Orthodoxie angereist kommen. Die Dominanz der Orthodoxen Kirche wird durch ihre umfangreichen Rechte an den heiligen Stätten anerkannt, die ihr selbst in den von allen Glaubensrichtungen gemeinsam vollzogenen Zeremonien Priorität einräumt.  

 

 

Die Orthodoxe Kirche hält ihre Gebete, Zeremonien und Feiertage gemäß der byzantinischen Tradition ab und richtet sich nach dem Julianischen Kalender, der gegenüber dem im Westen gebräuchlichen gregorianischen Kalender um 13 Tage zurückfällt. Der orthodoxe Kalender kennt zahlreiche Feiertage, einschließlich einzigartiger und sehr bunter Feiertage, die in Anwesenheit des Patriarchen von Jerusalem und Massen von Pilgern gefeiert werden. Dazu zählen beispielsweise die nächtliche Prozession zum “Grabe Marias” im August, der Abstieg zum Jordan, um zum Fest der Theophanie im Januar das Kreuz in den Fluss zu werfen, sowie das berühmteste Fest, der Zeremonie des Heiligen Feuers am Karsamstag.

 

In Heiligen Land sind auch andere nationale orthodoxe Kirchen vertreten. Sie erhalten ihre Autorität vom Griechisch-Orthodoxen Patriarchen von Jerusalem. Es sind die Russisch-Orthodoxe Kirche und die Rumänisch-Orthodoxe Kirche. Die russische Kirche ist besonders stark vertreten. Sie besitzt Kirchen und Klöster um Jerusalem und überall in Israel, mit Mönchen und Nonnen und massiven Wählergemeinschaften. Die Feiertage, Prozessionen und exaltierten Hymnen der Russischen Kirche bereichern das liturgische Mosaik im Heiligen Land.

 

Die Altorientalischen Kirchen (nicht-chalcedonischen Kirchen)

Die Orientalischen Kirchen sind Gemeinden, welche die Entscheidungen der Kirche bis zum Beginn des 4. Jahrhunderts akzeptierten, die Beschlüsse des Konzils von Chalcedon im Jahre 451 jedoch ablehnten. Diese Kirchen bewahrten ihre unabhängige Existenz und Institutionen, während sie zugleich die anderen, eigenen Traditionen und Sprachen aufrecht erhielten. Sie zeigen Präsenz in Jerusalem und an anderen Orten in Heiligen Land: Ihr Recht auf Ritus und Präsenz an den heiligen Stätten ist international anerkannt und sie bilden eine bunte und aufregende Ergänzung im Heiligen Land.   

 

Armenisch-Orthodox

Das armenische Volk war das erste Volk, welches das Christentum als Nationalreligion annahm. Es gibt Hinweise auf eine dauerhafte armenische Präsenz in Jerusalem vom 4. Jahrhundert bis heute. Neben der Mutterkirche in Armenien verfügt die Armenische Kirche in Jerusalem über ein unabhängiges Patriarchat, das für die armenischen Güter und für die umfangreichen Rechte der armenischen Kirche an den heiligen Stätten verantwortlich ist. Die reich geschmückte Kathedrale, das armenische Kloster und dessen Umgebung bilden ein eigenes Viertel in der Altstadt von Jerusalem. Die einzigartigen Zeremonien dieser Kirche werden uralten Rechten folgend in der Armenischen Kathedrale und an den heiligen Stätten prachtvoll in armenischer Sprache und in der armenischen Schrift gefeiert. Zu den Besonderheiten der armenischen Gemeinde zählen die armenischen Weihnachtsfeierlichkeiten in Bethlehem, die an einem besonderen Datum stattfinden, nämlich am 18. und 19. Januar, und nur im Heiligen Land.

 

 

 

Die Koptisch-Orthodoxe, die Altsyrisch-Orthodoxe und die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche

Diese drei Ostkirchen stehen für die antiken christlichen Traditionen: die Kopten sind die Repräsentanten der Christen im Niltal; die Syrer vertreten die syrisch sprechenden Christen im Orient, während die Äthiopier das erste christliche Land in Afrika vertreten: Äthiopien. An der Spitze dieser Kirchen stehen Erzbischöfe mit Sitz in Jerusalem, die den Patriarchen außerhalb des Heiligen Landes, in Alexandrien, Antiochien (das heutige Damaskus) und Addis Abeba unterstellt sind. Obgleich die örtliche Gemeinde nicht mehr als wenige Tausend Menschen umfasst, ist die bunte Präsenz dieser Glaubensgemeinschaften insbesondere an den wichtigen Feiertagen auf den Straßen und in den Kirchen zu spüren. Den Gesang “Er ist wieder auferstanden” kann man in Jerusalem in antiken Sprachen hören: auf Koptisch (die Sprache Ägyptens, bevor das arabische Fuß fasste), auf Altsyrisch (ein Aramäisch der Dialekt) und auf Ge’ez, die Sprache des antiken Äthiopiens. 

 

Die Protestantischen Kirchen

Die Protestantischen Kirchen sind seit dem 19. Jahrhundert im Heiligen Land präsent. Die erste große Initiative kam von den Anglikanischen und Lutheranischen Kirchen, die mehrere Jahre unter einem gemeinsamen Bistum in Jerusalem gearbeitet haben. Später gründeten beide Kirchen und Einrichtungen für Bildung, Krankenpflege und mehr. Neben zahlreicher Gebäude in den Städten Israels errichteten sie die St. Georgs-Kathedrale und die St. Georgs Cathedral Close, die dem anglikanischen Erzbischof im Heiligen Land dienen, sowie die monumentalen literarischen Kirchen auf den Ölberg (Auguste Viktoria) und in der Nähe der Grabeskirche in Jerusalem. Innerhalb beider Kirchen bildeten sich kleinere, örtliche Gemeinden, gemeinsam mit den englisch-, deutsch-, schwedisch-, dänisch-, und finnischsprachigen Gemeinden, geleitet von einem arabischen Bischof. Eine der berühmtesten Stätten in Heiligen Land für Protestanten ist das Gartengrab, das die Anglikaner als Grabstätte Jesu verstehen. Das Gartengrab wurde zu einem sehr wichtigen Ort für Gebet und Meditation für protestantische Pilger. 

 

 

Weitere Protestantische Kirchen wie die Kirche von Schottland, die Baptistenkirche und andere haben Gebäude und Gebetshäuser errichtet. Protestantische Organisationen nehmen teil an der Organisation aufregender religiöser Zusammenkünfte, wie beispielsweise das alljährliche evangelische Laubhüttenfest in Jerusalem.